01Shenzhen, März 2026. Fast tausend Menschen warten.
Es ist ein Freitagvormittag. Vor der Zentrale des chinesischen Tech-Konzerns Tencent in Shenzhen hat sich eine Schlange gebildet: fast tausend Menschen, berichtet die South China Morning Post. Sie stehen für Software an.
Wer da steht: Rentner mit Laptops. Hausfrauen. Studenten. Büroangestellte in Mittagspause. Manche tragen MacBooks unterm Arm, andere einen Mini-PC in einer Einkaufstasche. Einige halten sogar NAS-Laufwerke in der Hand.
Was sie wollen: Tencent-Ingenieure sollen ihnen kostenlos einen KI-Agenten namens OpenClaw auf ihre Geräte installieren. Das chinesische Internet kennt OpenClaw nur beim Spitznamen: „den Hummer", wegen seines roten Lobster-Logos.
Der Ingenieur braucht etwa drei Minuten pro Person. Er installiert OpenClaw auf dem Laptop, verbindet es mit WeChat auf dem Handy, konfiguriert das KI-Modell und ruft die Nächste. Um diese drei Minuten und um das, was danach kommt, geht es in diesem Artikel.
Ähnliche Szenen spielten sich gleichzeitig vor Baidus Zentrale in Peking ab. Und in 17 weiteren chinesischen Städten, wo Tencent Installationszentren eröffnet hatte. Wer keine Zeit für die Schlange hatte, bestellte sich einen Techniker nach Hause, für 500 Yuan, ungefähr 65 Euro. Wer nach der Installation kalte Füße bekam, bezahlte nochmal für die Deinstallation.
02 — Was OpenClaw ist02OpenClaw handelt selbst.
Wir haben OpenClaw bereits ausführlich in unserem OpenClaw-Grundlagenartikel erklärt. Hier die kurze Version, die für diesen Artikel wichtig ist:
ChatGPT antwortet. OpenClaw handelt. Während ein Chatbot auf Fragen reagiert und dann wartet, bekommt OpenClaw eine Aufgabe und erledigt sie eigenständig, Schritt für Schritt, ohne bei jedem Schritt zu fragen. Es liest E-Mails, verschickt E-Mails, verschiebt Dateien, bucht Termine, führt Shell-Befehle aus. Das läuft rund um die Uhr, auch während du schläfst.
OpenClaw läuft lokal auf dem eigenen Computer. Es braucht keinen Cloud-Dienst. Das ist der Vorteil, den Tencent und Baidu bewerben: Die Daten bleiben auf dem eigenen Gerät. Was dabei weniger betont wird: Der Agent braucht dafür tiefe Systemrechte: vollen Zugriff auf Dateien, E-Mail-Konten, Kalender, Kontakte und, im chinesischen Kontext besonders relevant, auf WeChat Pay.
03 — WeChat: Das digitale Leben einer Milliarde Menschen03Eine Infrastruktur.

Wer WeChat nicht kennt, denkt vielleicht an WhatsApp. WeChat kann aber weit mehr als ein Messenger und ist das digitale Betriebssystem des chinesischen Alltags.
Tencent meldete zum Jahresende 2024 offiziell 1,385 Milliarden kombinierte monatlich aktive Nutzer für WeChat und Weixin (die chinesische Version). Das ist die einzige belastbare, von Tencent selbst bestätigte Zahl. Neuere offizielle Zahlen für 2026 liegen noch nicht vor.
Was diese Milliarde Menschen über WeChat macht, geht weit über Messaging hinaus:
Quellen: Tencent Investor Relations · 99firms WeChat Statistics 2026
Kein WeChat zu haben bedeutet in vielen chinesischen Städten: kein Taxi, keine Arzttermine, keine Zahlungen im Supermarkt. Bargeld ist in weiten Teilen des Landes faktisch überflüssig geworden. WeChat Pay hat es ersetzt. Selbst Straßenverkäufer akzeptieren ausschließlich QR-Code-Zahlungen.
Das ist der Kontext, in den OpenClaw jetzt hineingekommen ist.
04 — Was passiert, wenn beides zusammenkommt04ClawBot: Der Hummer zieht in WeChat ein.
Am 22. März 2026 startete Tencent offiziell ClawBot, eine direkte Integration von OpenClaw in WeChat. ClawBot erscheint als normaler Kontakt in WeChat, genau wie ein Freund oder Kollege. Nutzer können per Textnachricht (oder Sprachnachricht) Befehle an ihren Agenten schicken.
Die Einrichtung: WeChat updaten, Plugin in den Einstellungen aktivieren, QR-Code scannen. Fertig. Laut Tencent dauert das etwa drei Minuten.
Was dabei technisch passiert
Der Laptop zuhause läuft ab diesem Moment dauerhaft. OpenClaw darauf ist über das Internet erreichbar. WeChat auf dem Handy ist die Fernbedienung. Jeder Befehl, den Oma Li per WeChat schickt, wird über Tencent-Server geleitet, erreicht den Laptop, und OpenClaw führt ihn mit vollem Systemzugriff aus.
Was das im Alltag bedeutet, klingt praktisch: Vom Pendlerzug aus eine Sprachnachricht schicken: „Fass das Meeting-Recording auf meinem Desktop als Zusammenfassung zusammen und schick es mir." Minuten später liegt die Datei in WeChat. Ein Umweg über eine andere App ist nicht nötig.
Weniger thematisiert wird, welcher Kanal das ist: WeChat ist die App, über die 935 Millionen Menschen täglich bezahlen, kommunizieren und arbeiten. Der Laptop mit OpenClaw darauf ist ab sofort über diese App fernsteuerbar, auch für andere Personen als Oma Li.
Wie viele WeChat-Nutzer ClawBot tatsächlich aktiviert haben, ist nicht bekannt. Tencent hat dazu keine Zahlen veröffentlicht. Der Rollout läuft schrittweise. Wir nennen daher keine Kombinationszahl, weil sie Spekulation wäre.
05Was wir wissen, chronologisch.
OpenClaw existiert seit November 2025. In den fünf Monaten seitdem hat das Projekt eine Sicherheitskrise erlebt. OpenClaw ist mächtig und beliebt, aber strukturell schwer abzusichern, und steht damit für eine neue Kategorie von Software.
ClawHavoc-Kampagne: Koordinierter Angriff auf den offiziellen Skill-Marktplatz ClawHub. 341 bösartige Skills von 7 Angreifern, die sich als legitime Plugins tarnten. Verteilung von Keyloggern und dem AMOS-Infostealer. Die einzige Hürde für den Upload: ein GitHub-Account, der eine Woche alt ist.
CVE-2026-25253: Ein-Klick Remote Code Execution. Ein Nutzer besucht eine bösartige Webseite. In Millisekunden übernimmt der Angreifer die komplette OpenClaw-Instanz. Auch gegen lokal gebundene Instanzen ausnutzbar, weil der Angriff über den Browser läuft. Gepatcht in Version 2026.1.29.
135.000 ungeschützte Instanzen weltweit, identifiziert von SecurityScorecard. 63 % ohne jede Authentifizierung. Kompromittierte Instanzen leakten API-Keys, OAuth-Token und Zugangsdaten im Klartext.
Moltbook-Datenleck: Die Cybersicherheitsfirma Wiz entdeckte eine offene Supabase-Datenbank: 1,5 Millionen API-Token und 35.000 E-Mail-Adressen aller registrierten OpenClaw-Agenten auf der Plattform waren frei zugänglich, bevor Wiz das Team informierte und die Datenbank gesichert wurde.
824 bösartige Skills aus nun 10.700 gelisteten, etwa 8 % des gesamten Marktplatzes. Skills mit professioneller Dokumentation und harmlosen Namen schmuggeln Malware ein. Cisco-Forscher testeten einen populären Skill live: neun Sicherheitsprobleme, zwei davon kritisch. Der Skill leitete Nutzerdaten still an externe Server weiter.
CVE-2026-32922: Vollständige Privilegien-Eskalation über Token-Scope-Missbrauch. CVSS 9.9, die höchste mögliche Kritikalitätsstufe. Betroffen: alle Versionen vor 2026.3.11. Wer nicht aktualisiert hatte, war vollständig kompromittierbar.
April-2026-Sicherheitspatch (13 CVEs): OpenClaw veröffentlicht einen Sammel-Patch mit 13 Schwachstellen. Kritischste Einträge: CVE-2026-35639 (CVSS 8.7, Privilege Escalation über manipuliertes Plugin-Manifest) und CVE-2026-35641 (CVSS 8.4, Arbitrary Code Execution via ClawHub-Marketplace). [16]
Gesamtlage: Mehr als 60 CVEs und 60 GHSAs insgesamt dokumentiert. 63.070 live erreichbare Instanzen per Ende März 2026. Die Architektur, die die Angriffe möglich macht, ist unverändert.
06Niemand ist zuständig.
Chinas Behörden haben im Vergleich zu anderen Ländern schnell reagiert. Am 22. März 2026 veröffentlichten CNCERT und die China Cybersecurity Association gemeinsam einen Sicherheitsleitfaden. Das chinesische Industrieministerium (MIIT) folgte mit eigenen Richtlinien.
Was sie empfehlen: OpenClaw nur auf dedizierten Geräten oder in virtuellen Maschinen betreiben. Nicht mit Administratorrechten. Keine sensiblen Daten im OpenClaw-Umfeld speichern. Den Skill-Marktplatz mit Vorsicht nutzen. Regelmäßig aktualisieren.
Für jemanden mit technischem Hintergrund sind das vernünftige Empfehlungen. Zu der Person, die sich gerade von einem Tencent-Ingenieur in drei Minuten den Lobster hat installieren lassen, passen sie nicht.
Die Schutzmaßnahmen wurden für technische Nutzer entwickelt und werden an Menschen verteilt, die in der Schlange standen, damit ihnen jemand anderes das Tool installiert.
Tencent hat in den ClawBot-Nutzungsbedingungen klargestellt: Das Unternehmen stellt nur den Nachrichtenübertragungskanal bereit. Es speichert keine Gesprächsinhalte. Und es übernimmt keine Verantwortung für KI-generierte Ergebnisse oder deren Folgen.
OpenClaw selbst ist Open Source. Kein Unternehmen trägt die Verantwortung. Und CNCERT hat explizit gewarnt: Staatsbetriebe und Behörden dürfen OpenClaw nicht auf Dienstcomputern betreiben, während lokale Regierungen zur selben Zeit Installationsevents subventionieren und Förderprogramme für OpenClaw-Startups auflegen.
Das Analystenhaus Gartner hatte im Februar 2026 eine eindeutige Einschätzung: OpenClaw sei ein „inakzeptables Cybersicherheitsrisiko" für Geschäftsnutzer und solle ausschließlich in isolierten Nicht-Produktions-Umgebungen mit Wegwerf-Zugangsdaten betrieben werden.
07 — Das große Bild07Wer hier spielt.

Das virale Tool ist zum Mittelpunkt eines Wettbewerbs um die nächste Infrastruktur des Internets geworden. Fast alle großen Spieler sind bereits dabei.
OpenAI hat OpenClaws Erfinder Peter Steinberger im Februar 2026 eingestellt. Meta kaufte im März 2026 Moltbook, das soziale Netzwerk, das ausschließlich für OpenClaw-Agenten gebaut worden war. Gründer und COO wechselten direkt zu Metas Superintelligence Labs. Tencent, Alibaba, Baidu und ByteDance haben alle innerhalb weniger Wochen eigene OpenClaw-basierte Produkte gelauncht. NVIDIA hat auf der GTC 2026 eine Enterprise-Sicherheitsschicht für OpenClaw angekündigt.
Was sie alle eint: Sie wollen die Infrastruktur kontrollieren, über die autonome Agenten mit der Welt (und miteinander) kommunizieren. Diese Infrastruktur ist ein Schlüsselbestandteil der nächsten Phase des Internets.
Oma Li ist in diesem Rennen der Vertriebskanal. Ihre Installation, ihr WeChat-Account, ihre Daten: das ist der Weg, über den diese Infrastruktur schnell in den Alltag von einer Milliarde Menschen kommt.
Die Zahlen, die wir sicher kennen: 346.000 GitHub-Stars, 47.700 Forks. China hat die USA bei der OpenClaw-Nutzung laut SecurityScorecard bereits überholt, mit fast doppeltem Volumen. Wie viele Menschen konkret ClawBot auf WeChat aktiviert haben: unbekannt, da Tencent keine Zahlen veröffentlicht hat.
08 — Fazit08Was hier passiert.
Was in China gerade passiert, hat keinen Präzedenzfall. Ein KI-AgentKI-AgentSoftware, die eigenständig Aufgaben ausführt, ohne bei jedem Schritt auf menschliche Eingabe zu warten. mit Systemzugriff wird über staatlich koordinierte Installationsevents an Millionen nicht-technischer Nutzer verteilt. Der Zugang läuft über die App, die für diese Nutzer Telefon, Geldbörse, Arbeitsplatz und soziales Netzwerk in einem ist.
Die Sicherheitslage ist dokumentiert und ernst: Über 60 Sicherheitslücken in fünf Monaten, ein offizieller Marktplatz mit Malware, und eine Architektur, die systemisch schwer abzusichern ist. Die vorhandenen Schutzmaßnahmen richten sich an eine andere Zielgruppe.
Das Problem reicht über China hinaus. Prompt InjectionPrompt InjectionAngriff, bei dem bösartige Anweisungen in Inhalten versteckt werden, die der KI-Agent liest und die er dann als Befehle ausführt., kompromittierte Skills, und schlecht gesicherte Instanzen betreffen OpenClaw weltweit. Und OpenClaw wächst weiter, auch in Europa, nur ohne staatliche Installationshelfer.
Offen bleibt: Wenn ein System, das du nicht verstehst, Zugriff auf dein komplettes digitales Leben bekommt, weil alle anderen es auch haben: wer trägt dann die Konsequenzen?
Tencent schließt die Verantwortung in seinen AGB aus. Hinter OpenClaw steht als Open-Source-Projekt kein verantwortliches Unternehmen. Der Tencent-Ingenieur, der die drei Minuten investiert hat, ist längst bei der Nächsten in der Schlange.
OpenClaw lässt sich unter den Bedingungen betreiben, die CNCERT beschreibt. Der Rollout in China erfüllte keine davon. Das Problem ist die Kombination: ein strukturell unsicheres System, ein überhasteter Massenrollout, und eine Zielgruppe, der die nötigen Kenntnisse für den sicheren Betrieb fehlen. China hat gerade im größten Maßstab der Geschichte getestet, was passiert, wenn man diese drei Dinge zusammenbringt. Das Ergebnis dieses Experiments kennen wir noch nicht vollständig. Was wir wissen: Die Architektur, die die Risiken erzeugt, ist unverändert, und OpenClaw kommt auch in den Rest der Welt.
