01Die „sehenden Steine" aus dem Silicon Valley
Der Name kommt aus J.R.R. Tolkiens „Herr der Ringe" und passt zu einem Überwachungsunternehmen. Die Palantíri waren magische Kugeln, die ihren Trägern ermöglichten, alles überall zu sehen, und durch die jeder Träger gleichzeitig von anderen beobachtet werden konnte.
Peter Thiel, Mitgründer von PayPal und einer der einflussreichsten Risikokapitalgeber des Silicon Valley, gründete Palantir Technologies 2003 gemeinsam mit Alex Karp, Nathan Gettings, Joe Lonsdale und Stephen Cohen. Der Auslöser war der 11. September 2001. Die Idee: Daten aus verschiedensten Quellen so verknüpfen, dass Geheimdienste Terroristen aufspüren können, bevor sie zuschlagen.
CIA von Anfang an dabei
In der Startphase wurde Palantir direkt durch In-Q-TelIn-Q-TelDer offizielle Risikokapitalarm der CIA. Investiert in Technologieunternehmen, die für Geheimdienste nützlich sein könnten. Palantir war eines der ersten großen Investments. finanziert — den offiziellen Wagniskapitalarm der CIA. Dieser investierte zwei Millionen US-Dollar und half dabei, die ersten Pilotprojekte mit CIA-Geheimdienstanalytikern zu entwickeln. Belegt ist das durch SECSECSecurities and Exchange Commission - die US-Börsenaufsichtsbehörde. Unternehmen müssen dort ihre Finanzen und Geschäftsbeziehungen offenlegen.-Unterlagen und öffentliche Unternehmensbiografien. Die CIA ist bis heute einer der wichtigsten Kunden.
Das Unternehmen selbst bezeichnet seine Kernphilosophie als „BigData for BigBrother", ein Satz, den die US-Bürgerrechtsvereinigung ACLUACLUAmerican Civil Liberties Union - die älteste und einflussreichste Bürgerrechtsorganisation der USA. Verteidigt seit 1920 Grundrechte vor Gericht. in ihren Berichten zitiert. Die Kundenliste liest sich wie das Who-is-who des militärisch-industriellen Komplexes: CIA, FBI, NSA, Pentagon, US-Marines, US-Airforce, Department of Homeland Security, das nationale Zentrum für vermisste Kinder. Seit 2017 gehört auch die deutsche Polizei dazu.
Die zwei Kernprodukte
02Drei Bundesländer im Einsatz, der Bund schaut zu
Deutschland ist mittlerweile ein etablierter Markt für Palantir. Seit 2017 nutzt Hessen das System als erstes Bundesland. Der Einstieg erfolgte still, ohne breite parlamentarische Debatte, auf Basis einer Rahmenvereinbarung des bayerischen Landeskriminalamts (LKA), die es allen Bundesländern und dem Bund ermöglicht, die Software ohne eigene Ausschreibung zu beziehen.
Fahrraddiebstahl mit Überwachungs-KI
Offiziell soll Palantir ausschließlich bei Terrorismus, organisierter Kriminalität und schweren Delikten eingesetzt werden. Recherchen zeigen jedoch: Die deutsche Polizei setzt die Software auch bei kleineren Delikten ein, teilweise sogar bei Fahrraddiebstahl. Eine wissenschaftliche Auswertung des tatsächlichen Anwendungsbereichs gibt es bisher nicht.
Was die Software in Deutschland kann
Palantirs Gotham ermöglicht deutschen Polizeibehörden Dinge, die vorher technisch unmöglich waren. Die Daten dafür wurden rechtlich aus gutem Grund getrennt gehalten:
| Fähigkeit | Datenbasis | Datenschutz-Problem |
|---|---|---|
| Datenbankübergreifende Suche | POLAS, ComVor, CRIME-ST und weitere | Zweckbindungsverletzung: Daten werden für andere Verfahren genutzt |
| Geotemporale AnalyseGeotemporalVerknüpfung von Ort und Zeit: Wo war wer wann? Durch Kombination von Kennzeichen, Handydaten und Kameras entstehen automatisch Bewegungsprofile - auch von Unbeteiligten. | Kennzeichen, Handystandorte, Kamerabilder | Bewegungsprofile von Unbeteiligten entstehen automatisch |
| FunkzellenauswertungFunkzelleErfassung aller Handys, die sich in einem bestimmten Mobilfunkgebiet befinden. Wird von der Polizei genutzt, um Verdächtige zu orten - erfasst aber automatisch auch alle Unbeteiligten im selben Gebiet. | Mobilfunkdaten ganzer Stadtteile | Erfasst massenhaft Personen ohne jeden Verdacht |
| Netzwerkanalyse | Kontaktpersonen, Kommunikationsdaten, Zeugen | Zeugen und Opfer landen in denselben Profilen wie Täter |
| Predictive Policing | Historische Fallmuster, KI-Modelle | Algorithmen wirken nachweislich diskriminierend |
| Einsatzplanung Spezialeinheiten | Operative Echtzeit-Daten | Grundsätzlich legitim, aber ohne ausreichende Aufsicht |
Das Kernproblem
Laut der Konferenz der DatenschutzbeauftragtenDSKDas gemeinsame Gremium aller deutschen Datenschutzbehörden - Bund und alle 16 Länder. Wenn die DSK etwas beschließt, hat das erhebliches Gewicht. (DSK) kann Palantir praktisch jeden erfassen: Straftäter, aber auch Geschädigte, Zeugen, Sachverständige oder Personen, die lediglich den Polizeinotruf genutzt haben. Die DSK sieht „intensive Eingriffe in die Grundrechte", besonders für Menschen, die durch ihr Verhalten keinen Anlass für polizeiliche Ermittlungen gegeben haben.
03Karlsruhe gegen Palantir: Was das Urteil bedeutet

Am 16. Februar 2023 sprach das BundesverfassungsgerichtBVerfGDas höchste deutsche Gericht für Verfassungsfragen in Karlsruhe. Seine Urteile sind für alle anderen Gerichte, Behörden und Regierungen bindend. ein Grundsatzurteil (Az. 1 BvR 1547/19 und 1 BvR 2634/20), das die Palantir-Debatte in Deutschland grundlegend veränderte. Auslöser waren Verfassungsbeschwerden der Gesellschaft für FreiheitsrechteGFFEine deutsche Bürgerrechtsorganisation, die strategische Klagen vor Gericht führt, um Grundrechte durchzusetzen - ähnlich der US-amerikanischen ACLU. (GFF) gegen die gesetzlichen Grundlagen für HessenDATA und ein Hamburger Pendant.
Kernaussage des BVerfG
Die damaligen Regelungen verstoßen gegen das allgemeine Persönlichkeitsrecht, weil sie „keine ausreichende Eingriffsschwelle enthalten". Mindestens eine „konkretisierte Gefahr" müsse als Auslöser vorliegen. Die Hamburger Regelung wurde sofort für nichtig erklärt. Hessen hatte eine Frist bis September 2023, um die Vorschriften zu überarbeiten.
Das Urteil machte klar: Predictive PolicingPredictive PolicingVorhersagende Polizeiarbeit - der Versuch, mit KI und historischen Daten vorherzusagen, wo und wann Verbrechen passieren werden. Hochumstritten wegen systematischer Diskriminierung. (Daten auswerten, bevor eine Gefahr besteht) ist mit dem Grundgesetz nur unter engen Voraussetzungen vereinbar. Es verlangt präzise gesetzliche Grundlagen, Verhältnismäßigkeit und Transparenz. Ein grundsätzliches Ende des Palantir-Einsatzes verlangt es nicht.
Bayern ignoriert die Vorgaben: neue Beschwerde 2025
Bayern führte VeRA mindestens ein Jahr ohne ausreichende gesetzliche Grundlage ein. Erst auf Druck von Datenschutzbeauftragten entstand überhaupt ein Rechtsrahmen. Laut GFF erfüllt er die Anforderungen des Karlsruher Urteils trotzdem nicht.
Am 23. Juli 2025 reichte die GFF, unterstützt vom Chaos Computer ClubCCCEuropas größte Hackervereinigung. Seit 1981 aktiv, berät Regierungen und Gerichte zu IT-Sicherheit und Datenschutz. Die CCC-Stellungnahmen gelten als fachlich hochkompetent., erneut Verfassungsbeschwerde ein, diesmal gegen das Bayerische PolizeiaufgabengesetzBayPAGDas bayerische Gesetz, das regelt, was die Polizei darf und was nicht. Gilt als eines der weitreichendsten Polizeigesetze Deutschlands - 2018 nach Massenprotesten umstritten. (BayPAG, Art. 61a). Parallel läuft eine weitere GFF-Beschwerde gegen die NRW-Regelung.
CCC-Sprecherin Constanze Kurz
„Die Palantir-Rasterfahndung erfasst eine enorme Menge von Menschen. Zuvor getrennte Daten werden miteinander verknüpft, die für sehr unterschiedliche Zwecke vorgesehen waren. Schon allein deshalb darf die automatisierte Massenanalyse nicht zum Polizeialltag werden."
04Peter Thiel, Alex Karp und die Macht der Daten

Zum Datenschutzproblem gehört auch das politische Profil der Gründer.
Thiel
Karp
Vance
Die politische Verknüpfung
Wenn deutsche Polizeibehörden Palantir nutzen, vertrauen sie ihre sensibelsten Ermittlungsdaten einem Unternehmen an, das von einem Trump-Großspender gegründet wurde, dessen ehemaliger Mitarbeiter gerade Vizepräsident der USA ist, und das seine Technologie für Massenabschiebungen und Kriegseinsätze nutzt. Damit berührt der Einsatz neben dem Datenschutz auch die politische Souveränität.
05Von ICE-Abschiebungen bis Kriegszielen in Gaza

Diese Kunden setzen Palantir ein, von Einwanderungsbehörden über Armeen bis zu Krankenhäusern:
06Was auf dem Spiel steht
Risiko 1: Daten fließen in die USA
Über dieses Risiko wird am meisten gestritten. Palantirs Software wird auf Servern betrieben, die in Deutschland stehen; das bayerische LKA betont, VeRA sei nicht mit dem Internet verbunden. Trotzdem bleibt das Problem: Das Unternehmen selbst ist US-amerikanisch, unterliegt dem US-Recht (CLOUD ActCLOUD ActUS-Gesetz von 2018, das US-Behörden erlaubt, von US-Unternehmen Daten anzufordern - auch wenn die Daten auf Servern im Ausland gespeichert sind. Betrifft potenziell alle Palantir-Daten., FISAFISAForeign Intelligence Surveillance Act - US-Gesetz, das Geheimdiensten umfassende Überwachungsbefugnisse gibt. Unter FISA Section 702 können Nicht-US-Bürger ohne richterlichen Beschluss überwacht werden.) und hat enge Verbindungen zur CIA. Ob und wie US-Behörden im Extremfall Zugriff auf Daten fordern könnten, die in Palantirs Infrastruktur liegen, ist juristisch ungeklärt.
Datenschützer weisen auf einen weiteren Aspekt hin: Auch wenn keine Daten direkt abfließen, liefert der Einsatz von Palantir dem Unternehmen wertvolles Wissen über die Arbeitsweise und Schwächen deutscher Ermittlungsbehörden. Für ein Unternehmen mit direktem Draht zu US-Geheimdiensten sei das ein strategischer Informationsgewinn.
Risiko 2: Unbescholtene Bürger im Datenprofil
Das BVerfG hat es festgestellt, die DSK bestätigt es: Palantir erfasst systematisch Menschen, die nichts falsch gemacht haben. Wer als Zeuge in einem Verfahren auftritt, wer als Opfer eine Anzeige erstattet, wer den Polizeinotruf anruft, wer zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort ein Fahrzeug abstellt: All diese Personen können in Palantirs Datenstruktur landen und Teil von Analysen werden, für die sie keinen Anlass gegeben haben.
Kriminologie-Professor Martin Thüne
„Es ist eine Lehre aus dem Nationalsozialismus, dass wir keine ‚Superdatenbanken' haben, auf die wiederum ‚Superbehörden' zugreifen können. Um das zu verhindern, ist die Zusammenführung von bestimmten Daten sogar gesetzlich untersagt."
Risiko 3: Diskriminierende Algorithmen
Predictive Policing soll Kriminalität vorhersagen, bevor sie passiert. Das ist das erklärte Ziel von Palantir. Weltweit haben Studien zu entsprechenden KI-Systemen in der Polizeiarbeit ergeben: Die Algorithmen tendieren dazu, bereits marginalisierte Bevölkerungsgruppen überproportional als Risikopersonen zu markieren. Die Ursache sind entsprechende Muster in den historischen Polizeidaten, auf denen die Systeme aufbauen.
Risiko 4: Politisches Missbrauchspotenzial
Was passiert, wenn Palantir eine andere Regierung nutzt? In Bayern läuft VeRA. Hypothetisch: Eine AfD-geführte Landesregierung hätte technisch Zugriff auf dieselbe Infrastruktur. In den USA zeigt Palantir bereits unter Trump, wozu die Technologie fähig ist: Massenabschiebungen, Markierung von Studierenden, die an Pro-Palästina-Protesten teilgenommen haben.
Fazit: Was bedeutet das für dich?
Du musst kein Krimineller sein, um in Palantirs Daten aufzutauchen. Als Zeuge, als Opfer, als jemand, der zur falschen Zeit am falschen Ort war, kannst du Teil einer KI-gestützten Polizeianalyse werden, ohne es je zu erfahren. Die Datenschutzbehörden haben das bestätigt, das Bundesverfassungsgericht hat es beanstandet. Die Software läuft trotzdem weiter. Eine Firma, die mit Startkapital von In-Q-Tel, dem Risikokapitalarm der CIA, gegründet wurde, Kriegsziele für die IDF berechnet und ICE-Massenabschiebungen optimiert, sitzt tief in deutschen Polizeidatenbanken. Über den Einsatz entscheiden die Innenminister.
