Du hast nichts zu verbergen? Ich auch nicht. Aber würdest du der ganzen Kita-Elterngruppe deine Handynummer auf einen Zettel schreiben? Oder einem Fremden erzählen, dass dein Kind heute Nacht Fieber hatte?
Nehmen wir einen ganz normalen Dienstag. Deinen Dienstag: Kita, Arbeit, Kinderarzt, Stau, Abendessen. Du erlebst ihn viermal, mit vier verschiedenen Messengern. Einmal mit WhatsApp, einmal mit Signal, einmal mit Telegram, einmal mit Threema. Die Nachrichten sind jedes Mal dieselben. Was der Anbieter am Abend über dich weiß, unterscheidet sich von App zu App.
Laut Bitkom nutzen 85 Prozent der Internetnutzer ab 16 Jahren in Deutschland WhatsApp, 22 Prozent Telegram, 14 Prozent Signal und 6 Prozent Threema. Wie derselbe Tag mit einem Android-Handy und mit einem iPhone aussieht, steht in den ersten beiden Teilen.
01Am Abend vorher
Die Kita hat eine Elterngruppe. Damit du drin bist, brauchst du die App.
Mit WhatsApp gibst du deine Handynummer und einen Namen an. Dein Profilbild und deinen Info-Text kann jeder abrufen, der deine Nummer hat, wenn du es nicht einschränkst. Benutzernamen sollen das ändern. Am 14. Oktober 2026 bot die App an, schon einmal einen zu reservieren: Er soll deine Nummer vor Leuten verbergen, die sie noch nicht kennen. Statt einen neuen auszudenken, kannst du auch deinen Namen von Instagram oder Facebook übernehmen.
Mit Signal brauchst du ebenfalls deine Nummer. Andere sehen sie aber seit Februar 2024 nicht mehr, es sei denn, sie haben sie schon. Deinen Namen und dein Profilbild kann Signal selbst nicht lesen.
Mit Telegram brauchst du deine Nummer und, in Deutschland, einen Euro. Telegram verlangt ihn als „SMS-Gebühr", wegen „vieler Fake-Konten und hoher SMS-Kosten in deinem Land". Wir haben es am 14. Oktober 2026 ausprobiert und nicht bezahlt. Name und Profilbild sind bei Telegram immer öffentlich. Nutzen darfst du es in der EU erst ab 18, nachgeprüft wird das nicht.

Mit Threema brauchst du keine Nummer und keine E-Mail-Adresse. Du bekommst eine zufällige Kennung aus acht Zeichen. Dafür kostet die App einmal Geld.
Du wolltest nur mit den anderen Eltern schreiben können.
026:47 Der Wecker klingelt, drei Nachrichten sind da
Du tastest nach dem Handy. Drei neue Nachrichten, alle aus der Nacht.

Bei allen vier weckt eine Benachrichtigung von Google oder Apple die App auf. Signal und Threema schicken dabei unter Android eine leere Nachricht. Wann dein Handy geweckt wurde, sehen Google oder Apple trotzdem. Behörden fragen genau das ab. Wie es ohne Google geht, zeigt der GrapheneOS-Dienstag.
Mit WhatsApp weiß WhatsApp jetzt: wann du online gehst, welches Handy du hast, wie voll dein Akku ist, wie gut dein Empfang ist. Aus deiner Internetadresse und deiner Vorwahl schätzt WhatsApp, wo du ungefähr bist.
Mit Signal speichert Signal nach eigenen Angaben den Tag, an dem du zuletzt verbunden warst. Ohne Uhrzeit. Ob Signal deine Internetadresse aufhebt, sagt Signal nicht.
Mit Telegram hebt Telegram deine Internetadresse, deine Geräte und deine Apps bis zu zwölf Monate auf. Wann du „zuletzt online" warst, sehen auch andere, solange du es nicht abstellst.
Mit Threema speichert Threema das Datum, an dem du dich zuletzt angemeldet hast. Ebenfalls ohne Uhrzeit. Deine Internetadresse wird laut Threema nur während der Übertragung genutzt.
Wer deine Nummer hat, sieht, wann du wach bist
Forschende haben 2025 gezeigt, dass bei WhatsApp und Signal jeder, der deine Nummer hat, unbemerkt messen kann, wann dein Bildschirm an ist. Sekundengenau, ohne dass du eine Nachricht siehst. Damals hatten beide Anbieter das nicht abgestellt. Ob sie es inzwischen getan haben, ist nicht bekannt. In der Kita-Gruppe haben 23 Leute deine Nummer.
Du wolltest nur den Wecker ausmachen.
037:30 Kita, die Elterngruppe
Du bringst die Kleine in die Kita. Auf dem Weg zum Auto piept das Handy. Die Elterngruppe: „Denkt an die Gummistiefel, morgen ist Waldtag!" 23 Eltern sind drin, die meisten kennst du nur vom Sehen.

Mit WhatsApp haben jetzt alle 23 deine Handynummer, auch der Vater, mit dem du noch nie ein Wort gewechselt hast. Was ihr schreibt, kann WhatsApp nicht lesen. Wie die Gruppe heißt und welches Bild sie hat, schon (Stand 2021).
Mit Telegram kann Telegram alles lesen: die Gummistiefel, die Einladung zum Kindergeburtstag, das Foto vom Laternenumzug.
Mit Signal oder Threema weiß der Anbieter nicht einmal, dass es die Gruppe gibt.
Du wurdest nur an die Gummistiefel erinnert.
048:15 Das Fieberfoto an die Freundin
Die Kleine war heute Nacht ganz warm. Du schickst deiner Freundin ein Foto vom Thermometer: 38,4. „Meinst du, ich soll zum Arzt?"
Mit WhatsApp kann WhatsApp das Foto nicht sehen. Aber WhatsApp erfasst, wann du schreibst, wie oft und wie lange. Und in den USA hat WhatsApp Behörden auf Anordnung in Echtzeit geliefert, wer gerade mit wem schreibt. Wie das abläuft, steht in der Akte Meta zu WhatsApp.
Mit Signal kann Signal das Foto ebenfalls nicht sehen. Wenn ihr euch gegenseitig gespeichert habt, weiß Signal in der Regel nur, an wen die Nachricht geht, nicht von wem.
Mit Telegram liegt das Foto lesbar auf Telegrams Servern, bis einer von euch es löscht. Geschützt wäre es nur im „geheimen Chat", den du eigens starten musst.
Mit Threema kann Threema das Foto nicht sehen. Auf dem Server liegt es nur, bis deine Freundin es abgeholt hat, höchstens 14 Tage.
Du wolltest nur wissen, ob 38,4 schon schlimm ist.
059:00 Die neue Babysitterin
Die Nachbarin hat dir eine Nummer gegeben. Du speicherst sie: „Jana Babysitterin". Freitag wollt ihr mal wieder ins Kino.
Mit WhatsApp gleicht WhatsApp dein Adressbuch ab, regelmäßig. Auch die Nummer deiner Oma ist darin, und die hat gar kein WhatsApp. WhatsApp speichert ihre Nummer in umgerechneter Form und verknüpft sie mit allen, die sie gespeichert haben. Die europäischen Datenschutzbehörden halten auch diese Form für personenbezogene Daten.
Mit Telegram speichert Telegram die Nummer und den Namen, so wie du ihn eingetippt hast: „Jana Babysitterin". Auch wenn Jana nie Telegram benutzt hat.
Mit Signal läuft der Abgleich in einem abgeschotteten Bereich des Servers. Danach behält Signal nach eigenen Angaben nichts davon.
Mit Threema findet der Abgleich nur statt, wenn du ihn einschaltest. Danach verwirft Threema die Daten sofort.
Du wolltest nur am Freitag ins Kino.
0612:15 Mittagspause, kurz durch die Kanäle
Fünf Minuten Ruhe. Du scrollst durch den Kanal mit Erziehungstipps und die Nachrichten.

Mit Telegram siehst du dazwischen Werbung. Seit dem 21. August 2026 richtet Telegram sie danach aus, in welcher Stadt du bist und welche Art von Kanälen du liest. Wer Premium bezahlt, sieht keine.
Mit WhatsApp hat Meta Werbung im Reiter „Aktuelles" für die EU angekündigt, zugeschnitten auf Land, Stadt, Sprache und die Kanäle, denen du folgst. Deine Chats zählen laut Meta nicht dazu. Bei unserem Test am 14. Oktober 2026 warb WhatsApp dort nur für sich selbst.
Mit Signal oder Threema gibt es keine Werbung. Signal lebt von Spenden an eine Stiftung, Threema vom Verkauf der App und von Firmenkunden. Threema gehört seit Januar 2026 der Frankfurter Beteiligungsfirma Comitis Capital.
Du wolltest nur fünf Minuten abschalten.
0714:00 Die Kinderarztpraxis schreibt
„Der Befund ist da. Bitte rufen Sie uns zwischen 15 und 16 Uhr an." Die Praxis schreibt jetzt auch per Messenger.
Mit WhatsApp ist diese Nachricht anders geschützt als die an deine Freundin. Schreibt die Praxis über einen Dienst von Meta, ist der Chat laut WhatsApp nicht Ende-zu-Ende-verschlüsseltEnde-zu-Ende-verschlüsseltNur Absender und Empfänger können die Nachricht lesen. Der Anbieter leitet sie weiter, hat aber keinen Schlüssel dazu., Meta verwaltet die Schlüssel für die Praxis und darf die Nachrichten bis zu 30 Tage aufheben. Ein Hinweis im Chat zeigt das an.
Mit Threema ist es ähnlich, wenn die Praxis über Threemas Firmenangebot schreibt. Je nach Variante werden die Nachrichten auf Threemas Server entschlüsselt. Speichert die Praxis den Verlauf, bleiben sie dort bis zu 180 Tage.
Mit Telegram schreibt die Praxis vielleicht über einen BotBotEin Programm, das im Messenger wie ein Chatpartner antwortet. Betrieben wird es von einer Firma oder Person, nicht vom Messenger selbst.. Dann liest der mit, der den Bot betreibt. Telegram kann den Chat ohnehin lesen.
Mit Signal haben wir kein Angebot für Firmen gefunden. Eine Warnung gibt es trotzdem: Der echte Signal-Support schreibt dir nie, warnen BfV und BSI. Wer sich so nennt, will an dein Konto.
Du solltest nur zurückrufen.
0817:00 Anruf bei deiner Mutter
Du rufst deine Mutter an. Erzählst vom Fieber und vom Befund. Alles halb so wild.
Bei allen vier hört niemand mit, auch der Anbieter nicht. Viele Anrufe laufen aber direkt von Handy zu Handy. Dann sieht dein Gegenüber deine Internetadresse und kann daraus grob ablesen, wo du bist und bei welchem Anbieter.
Mit WhatsApp gibt es dafür den Schalter „IP-Adresse in Anrufen schützen". Er leitet Anrufe über WhatsApps Server um. Ab Werk ist er aus, du musst ihn selbst einschalten.
Mit Signal heißt sie „Anrufe immer indirekt" und steckt in den erweiterten Einstellungen. Signal schreibt dazu selbst, dass die Anrufqualität darunter leidet. Bei uns war sie ausgeschaltet.

Mit Telegram laufen Anrufe zwischen Kontakten direkt, beide sehen die Adresse des anderen. Ruft dich ein Fremder an, geht es über Telegrams Server. Abstellen lässt sich das unter „Datenschutz", „Anrufe".
Mit Threema laufen Anrufe immer über den Server, solange du den Kontakt nicht persönlich bestätigt hast.
Bei deiner Mutter ist das egal. Beim Vater aus der Kita-Gruppe, der dich anruft, nicht unbedingt.
Du wolltest nur deine Mutter beruhigen.
0918:00 Im Stau
Auf der Autobahn geht nichts mehr. Du schickst deinem Partner deinen Standort, damit er weiß, dass es später wird.

Mit WhatsApp ist der Standort verschlüsselt, auch wenn du ihn live teilst. Wo du ungefähr bist, schätzt WhatsApp aber ohnehin aus deiner Internetadresse.
Mit Signal kannst du deinen Standort nur einmal schicken. Live teilen geht nicht, das haben wir am 14. Oktober 2026 nachgesehen.
Mit Telegram liegt der Standort im normalen Chat auf Telegrams Servern wie jede andere Nachricht. Teilst du ihn live, läuft das weiter, auch wenn die App zu ist.
Mit Threema ist der Standort verschlüsselt. Die Karte kommt unter Android von Threemas eigenen Servern, nicht von Google.
Du wolltest nur sagen, dass es später wird.
10Nachts: Das Handy sichert sich
Das Handy hängt am Ladekabel. Irgendwann nach Mitternacht macht es ein BackupBackupEine Sicherungskopie deiner Chats, meist in einer Cloud wie Google Drive oder iCloud, damit sie bei einem neuen Handy nicht verloren sind..
Mit WhatsApp landet dein Verlauf in Google Drive oder in der iCloud. Verschlüsselt ist er dort nur, wenn du das selbst einschaltest. Den Schalter haben wir nur über den „Privatsphäre-Check" gefunden. Danach können laut WhatsApp „nicht einmal Google oder WhatsApp" auf das Backup zugreifen. Vergisst du das Passwort und verlierst dein Handy, ist es allerdings weg. Bei der iCloud hat Apple ohne den „Erweiterten Datenschutz" den Schlüssel. Und: Sichert deine Freundin unverschlüsselt, liegt dein Fieberfoto in ihrer Cloud.

Mit Signal sind Backups seit September 2026 auf allen Geräten möglich und verschlüsselt, den Schlüssel hast nur du. Verlierst du ihn, ist das Backup weg. Das FBI warnt vor Betrügern, die sich als Support ausgeben, um genau diesen Schlüssel zu bekommen.
Mit Telegram braucht es kein Backup. Deine Chats liegen ohnehin dauerhaft auf Telegrams Servern.
Mit Threema sichert „Threema Safe" deine Kontakte und Gruppen, verschlüsselt mit deinem Passwort. Deine Nachrichten sind nicht dabei.
Du wolltest nur, dass die Kinderfotos nicht verloren gehen.
11Drei Wochen später: Die Polizei fragt an
Dieser Teil ist ausgedacht. Was die Anbieter herausgeben, ist belegt.

Die Polizei ermittelt gegen einen Vater aus der Kita-Gruppe. Nicht gegen dich. Sie fragt beim Anbieter an. Was Telefon- und Internetanbieter in Deutschland ohnehin speichern sollen, steht im Artikel zur Vorratsdatenspeicherung.
Mit Signal bekommt sie zwei Angaben: wann das Konto angelegt wurde und an welchem Tag es zuletzt verbunden war. Zur Gruppe hat Signal nichts. Signal veröffentlicht solche Anfragen, zuletzt im März 2026: 37 Nummern, bei 6 gab es diese zwei Daten.
Mit Threema bekommt sie fast dasselbe, dazu unter Umständen die umgerechnete Telefonnummer. Im ersten Halbjahr 2026 hat Threema Daten zu 2.026 Konten herausgegeben, mehr als im ganzen Jahr 2025 mit 1.505.
Mit Telegram bekommt sie seit September 2024 Internetadresse und Telefonnummer. Für Deutschland waren das 2024 laut netzpolitik.org 945 Auskünfte zu 2.237 Personen. Die Gruppe mit deinen Nachrichten liegt auf Telegrams Servern. Inhalte hat Telegram nach eigenen Angaben noch nie herausgegeben.
Mit WhatsApp bekommt sie Angaben zum Konto. In den USA hat WhatsApp auf Anordnung zusätzlich in Echtzeit geliefert, mit wem jemand schreibt. Zahlen nur für WhatsApp in Deutschland haben wir nicht gefunden.
Du wurdest nur an die Gummistiefel erinnert.
12Ein ganz normaler Dienstag
WhatsApp weiß: wann du aufstehst, wie voll dein Akku ist, ungefähr wo du bist, wann und wie oft du schreibst, die Nummer deiner Oma, welche Kanäle du liest. 23 Eltern haben deine Nummer. Schreibt die Praxis über Meta, lag ihre Nachricht dort.
Telegram weiß: alles aus der Kita-Gruppe, das Fieberfoto, Janas Namen, wo du im Stau standest, ungefähr, in welcher Stadt du bist. Für die Anmeldung wollte es einen Euro.
Signal weiß: dass es dich gibt. Und an welchem Tag du zuletzt online warst.
Threema weiß: an welchem Tag du dich zuletzt angemeldet hast.
Logos: WhatsApp, Signal, Telegram, Threema via Wikimedia Commons, gemeinfrei; die Markenrechte liegen bei den Anbietern.
13Was du heute Abend noch umstellen kannst
- WhatsApp: Im „Privatsphäre-Check" die „Ende-zu-Ende-verschlüsselten Backups" einschalten und ein Passwort vergeben, das du nicht vergisst.
- WhatsApp: Einen Benutzernamen reservieren. Sobald die Funktion freigeschaltet ist, soll er deine Nummer vor Fremden verbergen.
- WhatsApp: „IP-Adresse in Anrufen schützen" einschalten.
- Signal: In den erweiterten Einstellungen „Anrufe immer indirekt" einschalten.
- iPhone: In den iCloud-Einstellungen den „Erweiterten Datenschutz" einschalten. Dann hat Apple den Schlüssel zu deinen Backups nicht mehr.
- Signal: Unter „Datenschutz", „Telefonnummer" einstellen, dass dich niemand über deine Nummer findet.
- Telegram: Private Gespräche im „geheimen Chat" führen. Anrufe unter „Datenschutz" auf „Nie" direkt stellen.
Den Messenger der Kita-Gruppe suchst du dir allerdings nicht allein aus. Sachsen rät Lehrkräften seit dem 11. August 2026 davon ab, WhatsApp dienstlich zu nutzen oder privaten Elterngruppen anzugehören. Baden-Württemberg gibt Lehrkräften Threema kostenlos, Eltern zahlen 4,99 Euro.
Ob WhatsApp in Deutschland bald Werbung von anderen Firmen zeigt, ist offen. Angekündigt hat Meta den Start für die EU im März 2026 „in den kommenden Wochen". Bei unserem Test im Oktober war sie noch nicht da.
