Das hier ist ein Erfahrungsbericht. Ich bin kein Entwickler, ich programmiere nichts. Ich habe irgendwann beschlossen, dass es keinen guten Grund gibt, Google, Meta und Amazon gleichzeitig beim Frühstück, beim Einkaufen und beim Einschlafen zuschauen zu lassen. Dann habe ich angefangen, es anders zu machen.

Nacht Kein Tracker
Das Handy schläft.

Kein Schlaftracker. Keine Smartwatch, die Herzfrequenz und Atemrhythmus in eine US-Cloud überträgt. Kein Server, der morgen früh mehr über diese Nacht weiß als ich selbst.

Das Pixel 9 liegt auf dem Nachttisch. GrapheneOS startet das Gerät automatisch neu, wenn es zu lange inaktiv war. Das ist ein eingebautes Sicherheitsfeature. Im gesperrten Zustand sind alle Nutzerdaten verschlüsselt; es gibt keinen Weg hinein.

Keine Schlaf-Cloud Gerät vollverschlüsselt Auto-Neustart nach Inaktivität
7:12 Aufwachen
Das Handy geht an

Der Wecker klingelt. Clock, die Standard-App von GrapheneOS: Open Source, kein Account, keine Cloud. Kein Google-Dienst hat mitbekommen, dass der Tag beginnt.

Nachrichten kommen über Molly. Ein Fork von Signal: vollständig kompatibel mit allen Signal-Kontakten, aber mit verschlüsselter Datenbank, automatischer Speicherlöschung beim Sperren und ohne Google-Abhängigkeit für Benachrichtigungen. Für meine Kontakte bin ich einfach ein Signal-Nutzer.

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Auf einem normalen Android-Handy registriert Google bereits beim ersten Entsperren den Standort. Die Zeitachse läuft. Auf GrapheneOS passiert das nicht, solange kein Google-Account eingerichtet ist.

Kein Standort-Protokoll Nachrichten Ende-zu-Ende Kein Google FCM
7:45 Frühstück
Nachrichten — ohne Feed

Früher: Instagram, dann Twitter. Heute: Vanadium und ein RSS-Reader. Kein Algorithmus, der entscheidet, was ich sehe. Kein Scroll-Tracking. Kein Profil, das aus meiner Morgenstimmung gebaut wird.

Vanadium ist der eingebaute Browser von GrapheneOS: gehärtet, mit deaktiviertem JIT-Compiler, eingebautem Tracker-Blocker, ohne Google-Account. Wer Erweiterungen braucht, greift zu IronFox auf F-Droid. Alle Browser-Alternativen im Vergleich: Browser-Alternativen →

Kein Empfehlungs-Algorithmus Kein Scroll-Tracking Kein Google-Sync
9:30 Supermarkt
Bar. Ohne Payback-Karte.
Euro-Münzen in einer offenen Hand
Euro-Münzen in der Hand. Bild: Santeri Viinamäki / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.

Einkaufen. Bar bezahlt. An der Kasse: „Payback-Karte?" Nein.

Payback speichert mit 31 Millionen aktiven Nutzern in Deutschland: was du kaufst, wann, wo, in welchem Rhythmus. Kombiniert mit App-Daten, Partnerportalen und Onlinekäufen entsteht ein Konsumprofil, das Gesundheitszustand, Haushaltsgröße und Lebensgewohnheiten ableiten kann. Der Rabatt dafür beträgt etwa ein Prozent.

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Google Pay funktioniert auf GrapheneOS nicht, weil Google den Dienst auf nicht-zertifizierten Systemen blockiert. Apple Pay gibt es für Android ohnehin nicht. Das ist zunächst unbequem. Es ist aber auch einer der seltenen Fälle, wo ein technisches Hindernis automatisch mehr Privatsphäre erzeugt.

Wo es geht, zahle ich bar. Für größere Einkäufe nehme ich die EC-Karte (Girocard). Dabei ist mir klar, was mit den Zahlungsdaten passiert:

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Bei jeder EC-Karten-Zahlung werden Kontonummer, Betrag, Uhrzeit, Datum und Ort an den Transaktionsdienstleister übermittelt und dort gespeichert. Beim Lastschriftverfahren auch der Name. Die Daten landen bei der eigenen Bank, dem Händler und einem zwischengeschalteten Netzbetreiber. Google oder Meta bekommen sie nicht, aber es entsteht ein lückenloser Kaufverlauf, der deiner Kontonummer zugeordnet ist. Datenschutzbehörden haben durchgesetzt, dass Zahlungsvorgänge beim Netzbetreiber maximal zwei Wochen gespeichert werden dürfen. Bei der eigenen Bank bleiben sie deutlich länger.

Keine Payback-Profilierung Kein Bezahl-App-Tracking Bargeld = anonym EC-Karte: Betrag + Ort + Zeit gespeichert
12:40 Online-Kauf
Bestellen — ohne Konto, ohne Amazon

Ich brauche ein Kabel. Amazon wäre schneller. Aber Amazon kennt dann: mein Gerät, meine Adresse, meine Kaufhistorie, meinen Rhythmus. Das verknüpft Amazon mit allem, was davor war.

Ich bestelle bei alternate.de. Gastbestellung möglich, Zahlung per Vorkasse. Für die E-Mail-Adresse nutze ich einen Alias über meinen Proton Mail-Account: eine zufällig generierte Adresse, die auf mein echtes Postfach weiterleitet. Falls der Shop irgendwann Spam schickt: Alias löschen, fertig.

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Das OLG Hamburg hat im Februar 2025 entschieden: Der Marktplatz Otto.de ist nicht verpflichtet, Gastbestellungen anzubieten, weil dort zahlreiche Dritthändler verkaufen. Laut Händlerbund beschreibt das Gericht das ausdrücklich als Ausnahme für Marktplätze. Gewöhnliche Onlineshops sollten Gastbestellungen weiter anbieten. Shops mit bestätigter Gastbestellung: MediaMarkt, alternate.de, notebooksbilliger.de, Galaxus.de, Thalia.

Geliefert wird an den DHL-Paketshop, ohne App und ohne Konto. Mittlerweile tätige ich 7 von 10 Online-Einkäufen nicht mehr bei Amazon. Es braucht etwas Gewöhnung, klappt aber im Alltag.

Kein Amazon-Konto E-Mail-Alias statt echter Adresse Vorkasse = kein PayPal-Profil
18:30 Abendessen
Pizza. Direkt angerufen.
Gekachelter Pizzaofen in einer Restaurantküche
Pizzaofen in einem Restaurant. Bild: Shelby L. Bell / Wikimedia Commons, CC BY 2.0.

Pizza. Dienstags kommt das öfter vor.

Lieferando kennt nach wenigen Bestellungen: Adresse, Lieblingsrestaurant, Bestellzeiten, Häufigkeit, Zahlungsmittel und (bei App-Nutzung) den Standort. Aus diesen Daten lässt sich ablesen, an welchen Tagen und zu welcher Uhrzeit du nicht selbst kochst.

Ich rufe direkt beim Restaurant an. Nummer aus Organic Maps. Bar bei Lieferung. Kein Account, kein Tracking, kein Profil.

Keine App nötig Kein Bestellprofil Bar bei Lieferung
20:15 Apps
Woher kommen die Apps?
Startseite der App F-Droid mit neuen Apps
Startseite der App F-Droid, des App-Katalogs für freie Software. Bild: rugk / Wikimedia Commons, CC0.

GrapheneOS hat keinen Play Store vorinstalliert. Das ist am Anfang der größte Kulturschock. Inzwischen finde ich es praktischer als erwartet.

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F-DroidF-DROIDKostenloser App-Store für freie Open-Source-Android-Apps. Keine Werbung, kein Account, alle Apps werden auf Tracker geprüft. ist der App-Store für freie Open-Source-Software. Keine Werbung, kein Account, alle Apps geprüft auf Tracker und proprietäre Abhängigkeiten. Nachteil: Updates kommen oft einige Tage verzögert. Ich nutze Droid-ify als modernen Client.

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Obtainium

Obtainium lädt APKs direkt von den GitHub-Release-Seiten der Entwickler. Original-Signatur, sofortige Updates. Kein kuratierter Store: Ich muss Quellen selbst bewerten.

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Aurora Store

Aurora Store bietet anonymen Zugang zum Google Play Store, ohne eigenes Konto. Der Login über geteilte anonyme Konten fällt gelegentlich aus. Als Ergänzung trotzdem nützlich, wenn eine App nur dort existiert.

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Sandboxed Google PlaySANDBOXED GOOGLE PLAYGoogle Play Services läuft auf GrapheneOS als normale, eingesperrte App ohne Systemrechte. Berechtigungen können einzeln entzogen werden. ist die größte Besonderheit von GrapheneOS: Google Play Services lässt sich installieren, läuft aber als vollständig eingesperrte App ohne Systemprivilegien. Standort, Kamera und Mikrofon sind einzeln steuerbar. Google bekommt nur, was ich explizit freigebe.

F-Droid Obtainium Aurora Store Sandboxed Play
21:00 Messenger
Meinem Bruder schreiben — über meinen eigenen Server
Raspberry Pi 5 mit aktivem Kühler
Raspberry Pi 5 mit aktivem Kühler. Bild: SimonWaldherr / Wikimedia Commons, CC BY 4.0.

Abends schreibe ich meinem Bruder über Element statt über WhatsApp. Der Nachrichten-Server dafür ist ein Raspberry Pi 5 bei mir zu Hause.

Element basiert auf dem offenen Matrix-Protokoll. Das funktioniert ähnlich wie E-Mail: Jeder kann seinen eigenen Server betreiben. Und wer keinen eigenen hat, kann trotzdem mit jemandem schreiben, der einen hat. So kommunizieren auch GMX und Gmail miteinander, ohne dasselbe Unternehmen zu sein.

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Was das bedeutet: Die Nachricht meines Bruders landet auf meinem Server, in meinem Haushalt. Kein Unternehmen hat Zugriff. Keine Datenschutzerklärung, der ich vertrauen muss. Kein Serverstandort in den USA oder Irland.

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Wie schwer ist das einzurichten?

Vor ein paar Jahren: nur für Leute, die Linux seit Jahren kennen. Heute ist es machbar, mit etwas Geduld und mit Hilfe von KI. Ich habe ChatGPT und Claude gefragt, wenn ich nicht weiterkam. Die Einrichtung hat an einem Wochenende funktioniert.

Selbst gehostet Kein Drittanbieter Matrix-Protokoll Raspberry Pi 5
Nacht Wieder
Das Handy weiß nichts, was es nicht soll

Kein Konzern hat heute alles mitgeschrieben. Den EC-Karten-Einkauf kennen meine Bank und der Netzbetreiber, die Kabelbestellung kennt alternate.de. Wo ich war, mit wem ich gesprochen habe und wann ich eingeschlafen bin, fügt niemand zu einem Profil zusammen.

Es war ein ganz normaler Dienstag.

Ein Dienstag mit GrapheneOS

  • Kein Standortverlauf. Niemand weiß, wohin ich heute gefahren bin.
  • Kein Konsumprofil. Payback, Amazon und Lieferando haben heute nichts bekommen.
  • Kein Bezahl-Tracking. Bar bezahlt, damit gibt es keinen Datenpunkt für Google, PayPal oder Klarna.
  • Kein fremder Messenger-Server. Die Nachrichten an meinen Bruder liegen bei mir zu Hause.
  • Kein Google-Konto nötig. F-Droid, Obtainium und Aurora Store decken fast alles ab.
Du musst kein Entwickler sein.
Du musst nur anfangen.
Das hier ist Teil drei einer Serie. Teil eins: Was ein normaler Dienstag über dich verrät. Teil zwei: Was ein iPhone nach dem Dienstag weiß.