EUDI-Wallet Pflicht
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zur Attestierungsfrage
„Digitale Souveränität". aber für wen?
Die EUDI-WalletEUDI-WalletEuropean Digital Identity Wallet — eine EU-weite digitale Brieftasche für Ausweise, Zertifikate und Behördenidentität. Jeder EU-Mitgliedstaat muss bis Ende 2026 eine funktionsfähige Version anbieten. In Deutschland wird sie mit der BundID und der Deutschland-App verknüpft. klingt nach einem europäischen Gegenmodell zur Abhängigkeit von US-Konzernen. Eine App, mit der Bürger ihre Identität, Ausweise und Behördenkorrespondenz digital verwalten können, entwickelt von der EU, für EU-Bürger, auf EU-Infrastruktur. „Digitale Souveränität" ist das Schlagwort, das Ministerien und Kommissare gleichermaßen verwenden.
Doch hinter den Kulissen zeigt sich eine unbequeme technische Realität: Die deutsche Architektur-Dokumentation des Bundesinnenministeriums schreibt für Android-Geräte das Integritätsniveau „MEETS_STRONG_INTEGRITY" vor.[1] Das ist ein konkreter Wert aus der Google Play Integrity API. Und die läuft ausschließlich auf Geräten mit Google Mobile Services.
EUDI-Wallet und Play Integrity API
Wenn eine App prüfen will, ob ein Gerät „vertrauenswürdig" ist, gibt es dafür grundsätzlich zwei Wege auf Android:
| API | Google-abhängig? | Kompatibel mit alternativen OS? | Datenschutz |
|---|---|---|---|
| Google Play Integrity API | Ja, proprietär | Nein — CalyxOS, LineageOS, /e/OS ausgeschlossen; GrapheneOS unter bestimmten Bedingungen eingeschränkt kompatibel (siehe Abschnitt 03) | Kontaktiert Google-Server bei jeder Prüfung; Google entscheidet, welche Geräte „vertrauenswürdig" sind |
| Android Hardware Attestation API | Nein, seit Android 8 on-device | Ja — GrapheneOS hat eigene Attestierungsinfrastruktur | Hardwaregebunden, kein Google-Backend-Kontakt erforderlich |
Die Play Integrity APIPlay Integrity APIEin proprietärer Google-Dienst, der prüft ob ein Android-Gerät „integer" ist — also unverändert, mit Google Play Store und Google-Diensten läuft. Früher hieß dieser Dienst SafetyNet. Geräte ohne Google Mobile Services erhalten dabei automatisch ein negatives Urteil. ist der Nachfolger von Googles SafetyNet. Sie fragt Googles Server, ob ein Gerät als vertrauenswürdig gilt. Ein Gerät ohne Google Mobile Services, also ohne Google Play Store, Gmail-Integration und Google-Dienste im Hintergrund, erhält dabei automatisch ein negatives Urteil.
Die Hardware Attestation APIAndroid Hardware Attestation APIEin offener Android-Standard seit Android 8, der die Sicherheit eines Geräts direkt über den Hardware-Chip (TEE oder Secure Element) nachweist — ohne Google-Server zu kontaktieren. GrapheneOS stellt Entwicklern verifizierte Boot-Keys bereit, um diesen Standard ohne Google-Backend zu nutzen. dagegen ist offen: Sie nutzt den Hardware-Sicherheitschip direkt, ohne Google-Backend. GrapheneOSGrapheneOSEin datenschutzorientiertes Android-Betriebssystem ohne Google-Dienste, entwickelt für Pixel-Geräte. Gilt unter Sicherheitsforschern als eine der härtesten Android-Varianten. Wird von Menschen genutzt, die Google bewusst meiden. stellt Entwicklern auf dieser Basis verifizierte Boot-Keys zur Verfügung, die eine Hardware-Attestierung ohne Google-Backend ermöglichen.[2] Der GrapheneOS Attestation Guide hält fest, dass Hardware Attestation robuster als Play Integrity sei, weil sie keine Blackbox-Abhängigkeit von einem US-Konzern erzeuge.[2]
Der Staat würde also eine Sicherheitsprüfung an eine Infrastruktur delegieren, in deren Innenleben er keine Einsicht hat.
Menschen, die Google bewusst verlassen haben
Die Nutzung von GrapheneOS, CalyxOSCalyxOSEin datenschutzfreundliches Android-Betriebssystem für Pixel- und Fairphone-Geräte, das Google-Dienste durch microG ersetzt., LineageOSLineageOSDas meistgenutzte alternative Android-Betriebssystem — unterstützt hunderte verschiedene Geräte und läuft ohne Google-Dienste. oder /e/OS/e/OSEin vollständig Google-freies Android-Fork, der von der gemeinnützigen Murena-Stiftung entwickelt wird und auf Datenschutz ausgelegt ist. ist keine Nischen-Kuriosität. Es ist eine bewusste Entscheidung für Datenschutz, oft von Menschen, die sich intensiv mit den Risiken von Google-Tracking befasst haben. Journalisten, Aktivisten, Datenschutzbeauftragte, IT-Sicherheitsforscher.
Für genau diese Menschen würde eine EUDI-Wallet mit Play-Integrity-Pflicht zur maximalen Ironie: Wer Google verlassen hat, um staatlicher Überwachung und Konzerntracking zu entgehen, würde von staatlichen Diensten ausgeschlossen, es sei denn, er installiert Google zurück.
Welche Länder es besser machen — und welche nicht
Die AusweisApp: Ein deutsches Positivbeispiel
Die staatliche AusweisApp ist auf F-DroidF-DroidEin alternativer App-Store für Android, der ausschließlich freie und quelloffene Software enthält — ohne Google Play Store. verfügbar und erfordert keine Google Play Services.[3] Die App ist ohne Play-Integrity-Abhängigkeit auf F-Droid verfügbar, was den Betrieb auf GrapheneOS technisch ermöglicht. Das zeigt: Es ist möglich, eine staatliche App ohne Google-Abhängigkeit zu bauen.
ID Austria: Warnung statt Sperre
Österreichs staatliche eID-App zeigt beim Start auf alternativen Android-Systemen nur einen Hinweis an. Sie sperrt nicht. Die Play Integrity API wird laut unabhängigen Kompatibilitätstests nicht eingesetzt.[4] Österreich hat sich bewusst gegen einen Ausschluss entschieden.
Frankreich und Italien: Attestierungs-Negativbeispiel
In Bezug auf die Attestierungsarchitektur sind France Identité und die italienische IT-Wallet das Gegenmodell. Beide haben Play Integrity als Pflichtanforderung eingebaut. GrapheneOS-Nutzer scheitern an der Play-Integrity-Prüfung, die Geräte ohne Google-Dienste als nicht integer einstuft.[5] Das sind die ersten konkreten Beispiele dafür, was passiert, wenn nationale EUDI-Wallet-Implementierungen Play Integrity einsetzen.
Google lobbyiert im Bundestag für seine eigene Infrastruktur
Im Lobbyregister des Bundestags hat Google Germany GmbH einen Eintrag zu EUDI-Wallet-Zertifizierungen hinterlegt. Kernforderung: Der Gesetzgeber solle sicherstellen, dass Googles eigene Sicherheitsinfrastruktur als zertifizierbare Lösung anerkannt wird.[6]
„[Der Gesetzgeber solle sicherstellen, dass] globale Sicherheitslösungen für die PID-Speicherung auf Endgeräten wie Android Keystore als zertifizierbare Lösungen akzeptiert [werden]."— Google Germany GmbH, Lobbyregister Bundestag, RV0009274/13085 (Juni 2024) [6]
Übersetzt: Google fordert, dass seine eigene Sicherheitsinfrastruktur als Standard für die staatliche europäische Identitätslösung anerkannt wird. Das schließt Geräte ohne Google-Dienste strukturell aus und sichert Googles Marktposition gegenüber alternativen Android-Systemen ab.
netzpolitik.org berichtete im Oktober 2024, dass Google im Rahmen eines deutschen Prototypenwettbewerbs für die EUDI-Wallet ausgewählt wurde, obwohl ein Jurymitglied explizit dagegen stimmte. Die Kritik: Die Bundesregierung proklamiere „digitale Souveränität", beauftrage aber gleichzeitig Google mit dem Referenz-Prototyp.[7]
Wie strukturelle Abhängigkeiten von US-Konzerninfrastruktur bei staatlichen Sicherheitsprojekten funktionieren, zeigt auch das Beispiel Palantir und deutsche Sicherheitsbehörden.
Es gibt eine technisch bessere Alternative
Die Android Hardware Attestation API ist seit Android 8 auf allen Geräten verfügbar, ohne Google, ohne proprietäres Backend, hardwaregebunden. GrapheneOS hat eine öffentlich zugängliche Anleitung veröffentlicht, wie Entwickler ihre Apps kompatibel mit dieser API und damit mit alternativen Android-Systemen machen können.[2]
Im offiziellen GitHub-Repository der EU-EUDI-Wallet haben Entwickler genau das gefordert: In Issue #390 wurde beantragt, die Hardware Attestation API statt Play Integrity zu verwenden. Der Issue wurde geschlossen — allerdings ohne eine klare Aussage, dass Play Integrity damit abgeschafft wurde. Der Verweis auf OWASP MASVSMASVSMobile Application Security Verification Standard — ein Sicherheitsstandard für mobile Apps, herausgegeben von der Open Web Application Security Project (OWASP) Foundation. Er beschreibt, welche Sicherheitsanforderungen eine App erfüllen soll, lässt aber bei der konkreten technischen Umsetzung verschiedene Wege zu.-Compliance lässt „verschiedene Methoden" zu, welche konkret gewählt wird, bleibt offen.[8][11]
Was für die Deutschland-App noch offen ist
Die finale Produktionsversion der Deutschland-App, entwickelt von SAP, T-Systems und Schwarz Digits (Letztere für den integrierten Messenger Wire) und geplant für Januar 2027, existiert zum Zeitpunkt dieses Artikels noch nicht. Die offizielle Architektur-Dokumentation des BMI schreibt MEETS_STRONG_INTEGRITY als Standard vor, ohne explizite Ausnahme für alternative Android-Systeme.
Ob der BfDIBfDIBundesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit — die unabhängige Datenschutzbehörde des Bundes. das Thema aufgreift, ist offen: Eine öffentliche Stellungnahme zur Attestierungsfrage war nach Recherche der Redaktion bis April 2026 nicht auffindbar. Auch die Frage, ob eine Play-Integrity-Pflicht gegen den Digital Markets ActDigital Markets Act (DMA)Ein EU-Gesetz, das große Technologiekonzerne (sogenannte „Gatekeeper") reguliert und Wettbewerber schützen soll. Es könnte relevant sein, wenn staatliche Apps auf proprietäre Infrastruktur eines Gatekeepers angewiesen sind. verstößt, der genau solche strukturellen Abhängigkeiten von Plattformgiganten regulieren soll, wurde bislang rechtlich nicht bewertet.[10]