// 01Iran, 8. Januar 2026 — was genau passierte
Im Januar 2026 trieb die Wirtschaftslage im Iran Millionen Menschen auf die Straße. Die Währung war im freien Fall, die Inflation hatte die 42-Prozent-Marke überschritten. Die Regierung reagierte nicht mit Zugeständnissen, sondern mit dem Abschalten des Internets.
Was dann folgte, dauerte nur wenige Stunden:
Amnesty International bezeichnete den Shutdown als „Deckmantel für Menschenrechtsverletzungen": Wenn niemand filmen, berichten oder kommunizieren kann, passiert das, was passiert, ohne Zeugen.
// „Stealth Outage" — eine neue Methode.
2019 hatte Iran einfach alle BGP-RoutenBGP-RouteEine Wegbeschreibung im Internet. BGP teilt anderen Netzwerken mit: „Um mich zu erreichen, schick Daten diesen Weg." Ohne diese Ankündigung ist ein Netzwerk für den Rest des Internets unsichtbar. zurückgezogen, sofort sichtbar für externe Beobachter. 2026 lief es anders: Statt BGP-Routen zurückzuziehen, sabotierten die Behörden direkt Transport-Layer-Security (TLS) und DNS — Protokolle, die das Internet auf technischer Ebene nutzbar machen. Externe Monitoring-Tools zeigten teils Normalzustand, intern funktionierte nichts. Das macht es schwerer zu dokumentieren und schwerer zu beweisen.
// 02Wie das Internet eigentlich funktioniert
Um zu verstehen, wie man das Internet abschaltet, muss man kurz verstehen, wie es überhaupt funktioniert. Das klingt komplizierter als es ist.
DNS — das Telefonbuch des Internets
Wenn du „google.com" in deinen Browser tippst, weiß dein Computer nicht, wo Google liegt. Er fragt deshalb einen DNS-ServerDNS-ServerEin Verzeichnisdienst, der Namen wie "google.com" in IP-Adressen wie "142.250.185.14" übersetzt — ähnlich wie ein Telefonbuch, das Namen in Nummern umwandelt.: „Welche IP-AdresseIP-AdresseInternet-Protokoll-Adresse – eine Zahlenkombination wie 142.250.185.14, die jeden Computer im Internet eindeutig identifiziert. Vergleichbar mit einer Hausnummer: Ohne sie weiß das Internet nicht, wohin es Daten schicken soll. hat google.com?" Der DNS-Server antwortet, und der Browser verbindet sich.
Wenn ein Staat den DNS sperrt, antwortet der Server entweder falsch oder gar nicht. Die Website wäre technisch erreichbar aber dein Browser findet sie nicht. Es ist, als würde jemand Seiten aus dem Telefonbuch herausreißen.
Umgehbar? Ja, wer einen anderen DNS-Server nutzt (z.B. 1.1.1.1 von Cloudflare statt den des Providers), kann DNS-Sperren meist umgehen.
BGP — die Straßenkarte des Internets
Das Border Gateway ProtocolBGP — Border Gateway ProtocolDas Protokoll, über das Netzwerke im Internet miteinander kommunizieren, wie man sie erreicht. Vereinfacht gesagt: BGP ist die Straßenkarte des Internets. Ohne BGP-Ankündigungen existiert ein Netzwerk für andere nicht. ist komplizierter und mächtiger. Es regelt, wie Netzwerke einander mitteilen: „Um mich zu erreichen, schick Daten diesen Weg." Jedes Netzwerk im Internet kündigt sich so an.
Was passiert, wenn diese Ankündigung fehlt? Ein Beispiel, das du vielleicht kennst: Im Oktober 2021 zog Facebook versehentlich seine eigenen BGP-Routen zurück. Für sechs Stunden waren Facebook, Instagram und WhatsApp weltweit offline, die Server waren nicht kaputt, dass Internet hatte den Weg dorthin vergessen.
Im Iran passierte 2026 dasselbe — aber absichtlich. Der Staat zog die Routen zurück. Der Iran existierte für das globale Internet schlicht nicht mehr.
// Der entscheidende Unterschied zu einer Website-Sperre
Eine Website zu sperren ist wie eine Tür abzusperren. Das BGP-Routing abzuschalten ist wie das gesamte Straßennetz in eine Stadt zu löschen. Du kannst nicht mehr hinfahren, egal welchen Weg du nimmst.
// 03Die vier Stufen der Internet-Unterdrückung
Nicht jede Internetsperre ist gleich. Es gibt eine Eskalationsleiter von leicht umgehbar bis nahezu unmöglich zu überwinden:
// Das Iran-Modell: Warum es dort so einfach funktioniert.
Iran hat seine gesamte Internetinfrastruktur über Jahrzehnte zentralisiert. Das Land hat nur zwei internationale GatewaysGatewayEin Übergangspunkt zwischen dem nationalen und dem internationalen Internet. Im Iran gibt es nur zwei – beide staatlich. Ein Befehl an diese zwei Stellen reicht, um rund 90 Millionen Menschen vom Internet abzuschneiden. beide staatlich kontrolliert: die Telecommunication Infrastructure Company (TIC) und das IPM-Institut. Ein Befehl an diese zwei Stellen genügt, um das Land offline zu nehmen. Zusätzlich gibt es ein nationales IntranetIntranetEin in sich geschlossenes Netzwerk ohne Verbindung zum globalen Internet. Im Iran heißt es „Nationales Informationsnetzwerk” (SHOMA) – gedacht dafür, Banking und Regierungsseiten auch bei Abschaltung des „echten” Internets am Laufen zu halten., das den Betrieb staatlicher Dienste auch ohne globales Internet ermöglichen sollte, 2026 fiel jedoch auch SHOMA vollständig aus.
// 04Andere Länder, andere Methoden
Iran ist kein Einzelfall. Internet-Shutdowns sind weltweit ein wachsendes Phänomen mit unterschiedlichen Methoden und Anlässen.
// 05Deutschland-Check: Technisch und rechtlich
Die naheliegende Frage: Könnte das auch hier passieren? Die kurze Antwort lautet: Ein vollständiger Killswitch wie im Iran, nein. Partielle Einschränkungen, theoretisch ja.
Warum ein Komplett-Shutdown so schwer wäre
Der entscheidende Unterschied liegt in der Infrastruktur. Im Iran: zwei staatliche Gateways. In Deutschland: Dutzende internationale Verbindungspunkte, viele Unterseekabel und Hunderte von Internetanbietern (ISPsISPInternet Service Provider – Unternehmen, die dir den Internetzugang bereitstellen: Deutsche Telekom, Vodafone, 1&1 usw. Im Iran gibt es nur zwei staatliche ISPs – in Deutschland Hunderte private.). Die taz.de schrieb nach dem Iran-Shutdown: „In Deutschland ließe sich eine vollkommene Internetblockade kaum realisieren. Hierfür existieren zu viele einzelne ‚Brückenköpfe' ins weltweite Internet."
Der wichtigste Knotenpunkt ist der DE-CIXDE-CIX FrankfurtDer Deutsche Commercial Internet Exchange in Frankfurt ist einer der größten Internetknotenpunkte der Welt. Hier treffen Tausende von Netzwerken aufeinander und tauschen Traffic aus — mit einer Kapazität von über 10 Terabit pro Sekunde. in Frankfurt, einer der größten Internetknoten der Welt. Entscheidend: DE-CIX ist privat betrieben, nicht unter staatlicher Direktkontrolle. Und selbst wenn er ausgeschaltet würde, gibt es Ausweichrouten über Amsterdam, London oder Paris.
Ein weiterer Schutzfaktor: Die Privatisierung der Telekommunikation in den 1990er-Jahren. Ein politischer Abschaltbefehl müsste heute rechtlich gegen private Unternehmen, mit Grundrechtsschutz, durchgesetzt werden.
// Das 70-Prozent-Problem.
Heute laufen rund 70 % des deutschen Internetverkehrs über nur drei große CarrierCarrierGroße Telekommunikationsunternehmen, die die Netzinfrastruktur betreiben: Leitungen, Sendemasten, Rechenzentren. In Deutschland kontrollieren Telekom, Vodafone und Telefónica zusammen rund 70 % des Internetverkehrs.: Deutsche Telekom, Vodafone und Telefónica. Ein zentraler Befehl an diese drei Unternehmen wäre technisch wirksam. Rechtlich wäre er in Deutschland kaum durchzusetzen aber die technische Konzentration ist real.
Was das Grundgesetz schützt
In Deutschland gibt es kein Killswitch-Gesetz und keine Rechtsgrundlage für flächendeckende Internetsperren. Zwei Grundrechte schützen den Internetzugang direkt:
// 06Die Grauzone: Was es in Deutschland schon gibt
Kein Killswitch-Gesetz bedeutet nicht: kein Risiko. Es gibt bereits Mechanismen, die Netzsperren ermöglichen und die von Bürgerrechtlern kritisiert werden.
CUII — Netzsperren auf privatem Weg
Seit 2021 existiert die „Clearingstelle Urheberrecht im InternetCUIIEine private Organisation, in der große Internetprovider und die Unterhaltungsindustrie gemeinsam DNS-Sperren koordinieren. Bis Juli 2025 geschah das ohne Gerichtsbeschluss — seitdem ist eine richterliche Anordnung Pflicht. Kritiker sehen darin dennoch einen Präzedenzfall für privatisierte Internetkontrolle in Deutschland." (CUII). Telekom, Vodafone, Telefónica und andere Provider sperren gemeinsam mit der Unterhaltungsindustrie Websites — bis Juli 2025 ohne Gerichtsbeschluss. Das Verfahren lief außerhalb der Justiz.
Update Juli 2025: Nach anhaltender Kritik unter anderem durch eine damals 17-jährige Schülerin, die systematisch Fehler in der CUII-Sperrliste nachwies — forderte die Bundesnetzagentur einen Systemwechsel. Seit Juli 2025 darf die CUII Websites nur noch auf Basis einer gerichtlichen Sperranordnung sperren. Das außergerichtliche Verfahren wurde abgeschafft.
Felix Reda, ehemaliger EU-Parlamentarier und Netzrechtexperte, hatte das alte Verfahren gegenüber netzpolitik.org als gefährlichen Präzedenzfall bezeichnet: Die CUII ebne den Weg für weitere außergerichtliche Internetsperren. Das Prinzip, Provider sperren auf Zuruf, lasse sich auf andere Inhalte ausdehnen. Die Abschaffung des außergerichtlichen Verfahrens ist ein Schritt in die richtige Richtung, die aufgebaute Infrastruktur für koordinierte DNS-Sperren bleibt aber bestehen.
Das gescheiterte Zugangserschwerungsgesetz (2009)
Unter Bundesministerin Ursula von der Leyen sollte das Bundeskriminalamt (BKA) eine Sperrliste führen — Provider müssten bestimmte Websites ohne richterlichen Beschluss sperren. Das Gesetz wurde als „Lex Lolita" und als Aufbau einer Zensurinfrastruktur scharf kritisiert, 2011 wieder aufgehoben.
// Die Lehre daraus
Die Infrastruktur für Netzsperren zu schaffen ist gefährlich auch wenn die ursprüngliche Absicht legitim erscheint. Wer eine Sperrinfrastruktur baut, baut sie für alle zukünftigen Regierungen mit.
Die deutsche Verbindung zum Iran-Shutdown
Ein Detail, das in der deutschen Berichterstattung kaum vorkam: Correctiv, taz und netzpolitik.org haben 2022 aufgedeckt, dass die Softqloud GmbH aus Nordrhein-Westfalen Rechenzentren in Frankfurt und den Niederlanden für den iranischen Cloud-Anbieter ArvanCloud betreibt.
ArvanCloud wurde vom iranischen Kommunikationsminister öffentlich empfohlen und betreibt Infrastruktur, die vom Shutdown ausgenommen war also zur Whitelist des Regimes gehörte. Reporter ohne Grenzen forderte ArvanCloud auf, die Zusammenarbeit mit dem Regime einzustellen. Eine Reaktion blieb aus.
// Kapitel 7 — Umgehungsmöglichkeiten// 07Was hilft — und was nicht
Für Menschen in Ländern mit Internetsperren ist die Frage nach Umgehungsmöglichkeiten keine theoretische. Hier ein realistischer Überblick:
// StarlinkStarlinkElon Musks Satelliteninternet – Tausende kleine Satelliten in der Erdumlaufbahn liefern Internet direkt vom Himmel. Umgeht terrestrische Infrastruktur komplett: Kein Kabel, kein Provider, kein staatlicher Knotenpunkt nötig. im Iran: Tödliches Risiko.
Die USA haben trotz des iranischen Verbots rund 6.000 Starlink-Terminals ins Land geschmuggelt, um Demonstranten einen Internetzugang zu ermöglichen. Wer im Iran ein Terminal besitzt oder nutzt, riskiert nach geltendem Recht bis zu zehn Jahre Haft oder schlimmer.
Was bleibt
Ein vollständiger Internet-Killswitch wie im Iran ist in Deutschland technisch schwer und rechtlich kaum durchsetzbar. Dezentrale Infrastruktur, private Betreiber und Grundrechtsschutz bilden echte Hürden.
Trotzdem lohnt es sich, die Grauzone im Blick zu behalten: Die CUII hat ihr außergerichtliches Sperrverfahren zwar im Juli 2025 auf richterliche Anordnung umgestellt, die Infrastruktur für koordinierte DNS-Sperren bleibt aber bestehen. Wer einmal eine Sperrinfrastruktur baut, baut sie für alle Zukunft.
Und was den Iran betrifft: Der Shutdown vom Januar 2026 war keine Ausnahme. Es war der vierte große Shutdown in sieben Jahren und er wurde jedes Mal raffinierter. Die Technologie entwickelt sich weiter.
// Update Februar/März 2026: Zweiter Shutdown — noch aktiv.
Nach israelisch-amerikanischen Angriffen auf den Iran am 28. Februar 2026 verhängte das Regime einen erneuten Shutdown. NetBlocks meldete, dass die Internetkonnektivität auf 4 % des normalen Niveaus einbrach, vollständiger als im Januar. Stand 17. März 2026 dauert die Abschaltung an. Quelle: Wikipedia — 2026 Internet Blackout in Iran
Alle Angaben nach bestem Wissen, nachprüfbar.
Kentik — „Iran Goes Dark" (8. Januar 2026)
Echtzeit-Netzwerkanalyse des Iran-Shutdowns mit IPv6/IPv4-Verlaufsdaten
Cloudflare Radar — Iran-Shutdown IPv6-Daten
Echtzeitdaten und Visualisierung des iranischen Internet-Traffic-Einbruchs
Wikipedia — 2026 Internet Blackout in Iran
Übersichtsartikel mit Timeline, wirtschaftlichen Schäden und politischem Kontext
Amnesty International — Stellungnahme zum Iran-Shutdown (9. Januar 2026)
Menschenrechtliche Einordnung; Shutdown als „Deckmantel für Menschenrechtsverletzungen"
IODA / Georgia Tech — Historischer Vergleich Iran-Shutdowns
Wissenschaftliche Analyse der iranischen Shutdown-Methoden 2019–2026
taz.de — FAQ Iran-Shutdown: Könnte das auch in Deutschland passieren?
Erklärartikel mit Deutschland-Vergleich und Zitat zur dezentralen Infrastruktur
ZDF heute — Prof. Jochen Schiller, FU Berlin (Januar 2026)
Experteneinschätzung zur technischen Machbarkeit eines Shutdowns in Deutschland
Correctiv — ArvanCloud & Softqloud GmbH (20. Oktober 2022)
Investigativrecherche zur deutschen Verbindung in die iranische Internet-Infrastruktur
Netzpolitik.org — CUII-Kritik (Felix Reda)
Analyse der außergerichtlichen Internetsperren durch die Clearingstelle Urheberrecht
Wirtschaftswoche — Ländervergleich Internet-Shutdowns
Iran, Kongo, Deutschland im Vergleich: Infrastruktur und rechtliche Rahmenbedingungen
Internet Society — Position zu Internet-Shutdowns
Globale Daten zu Shutdowns, wirtschaftliche Kosten und Menschenrechte
Wikipedia — Internet Kill Switch (globale Übersicht)
Überblick über Killswitch-Gesetze und -Vorfälle weltweit
Tagesspiegel Interaktiv — Visualisierung Iran-Sperrstufen
Interaktive Darstellung der verschiedenen Eskalationsstufen iranischer Internetzensur
Filterwatch — Technische Analyse des Januar-2026-Shutdowns (16. Januar 2026)
Detaillierter Untersuchungsbericht zur TLS/DNS-Sabotage-Methode des iranischen Regimes
NPR — Mindestens 6.126 Tote im Iran-Aufstand (27. Januar 2026)
Dokumentierte Opferzahlen der Proteste und Massaker vom 8.–9. Januar 2026